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Was macht eigentlich Bernd Pletschen
Bernd Pletschen aus Waldniel machte 1975 Abitur an unserer Schule und begann danach an der Technischen Universität in Berlin ein Studium der physikalischen lngenieur-Wissenschaften mit deutlich mathematischer Orientierung. Heute rückblickend auf diesen Studiengang und die schulische Vorbildung, sagt er: “Ich war nicht der Musterschüler, mit fünfzehn Jahren habe ich lieber Tischtennis gespielt. Erst mit dem Abitur platzte der Knoten, in meinem Studium habe ich dann sehr viel gearbeitet, aber es hat mich auch sehr interes
siert.”
In Berlin erwies sich die Vorbereitung durch das St. Wolfhelm Gymnasium in Waldniel als sehr vorteilhaft: ”Es gab ja damals diese Mönchengladbacher Gymnasien mit einem Ruf wie Donnerhall in Mathe und Physik, davon habe ich nichts gemerkt. Ich war aus Waldniel bestens vorbereitet; ich hatte Herrn Behrendt in Mathematik, da habe ich viel gelernt; Physik hatte ich bei Herrn Fels und Herrn Stinnertz, sie waren ganz andere Typen, aber auch sie haben uns den Stoff gut beigebracht.”
Nach fünf Semestern folgt das Vordiplom in physikalischen lngenieur-Wissenschaften und Mathematik, einem Studiengang, den es so nur in Berlin und an einer weiteren deutschen Technischen Universität gibt, es folgt als Studienschwerpunkt “Allgemeine Mechanik”, das Fachgebiet heißt Kontinuumsmechanik und Materialtheorie; für den Laien kurz erklärt, geht es dabei um das Verhalten von räumlich ausgebildeten Körpern bei unterschiedlichen Werkstoffen, z.B. wie es zu Materialermüdung kommt.
Bernd Pletschen wird 1978 studentische Hilfskraft am ”2. Institut für Mechanik an der TU Berlin”, besteht im März 1980 die Diplomprüfung, wird danach am selben Institut wissenschaftlicher Mitarbeiter und promoviert dort 1984 zum Dr.-lngenieur. Die Dissertation behandelt eine neue Theorie für ebene Flächentragwerke (Platten), bei der man von neuen, erweiterten Verformungsansätzen ausgeht.
1984 folgt der Übertritt in die Industrie; Dr. Bernd Pletschen wird Systemanalytiker in der Forschung, und zwar im Bereich lnformationstechni k bei der Volkswagen AG, Wolfsburg. Zu seinen Aufgaben gehört es, Computerprogram me auf ihre Prognosefähigkeit in der automobilen Anwendung zu untersuchen, das heißt: Lassen sich gültige Aussagen z. B. über einen Crash eines Fahrzeuges und dabei über die Fahrzeugpassagiere mittels einer lnsassen-Simulation treffen? Bis 1988 bleibt Dr. Bernd Pletschen als Projektleiter bei VW und wechselt im Sommer 1988 zu Daimler-Benz. Dort arbeitet er als Team-Leiter einer Gruppe von fünfzehn Mitarbeitern in der Unfall-Forschung: ”Wir sind überhaupt die erste Gruppe in der Automobilindustrie gewesen (seit 1969), die Unfallanalysen am Unfallort gemacht hat. Wir sind zu den Unfällen hinausgefahren und haben parallel zur Polizei die Unfallstelle und das Fahrzeug untersucht sowie den Unfall rekonstruiert; wir sind sogar zu den Verletzten ins Krankenhaus gefahren und haben ermittelt, wo sie z.B. mit dem Kopf angeschlagen sind.”
Von 1990 bis 1994 leitet Dr. Bernd Pletschen eine Abteilung von dreißig Mitarbeitern; Aufgabe ist es, die Verwindungssteifigkeit, das Schwingungsverhalten und den Verlauf eines “crash” zu berechnen, um die Fahrzeugentwicklung zu unterstützen. ”Ab 1993 befiel mich eine kreative Unruhe und ich bemühte mich um neue, zusätzliche oder andere, Aufgaben. Dann bekam ich einen Ruf an die Universität Dresden als Professor für das Gebiet ‘Karosseriestruktur und Sicherheit’. Als Etat für den Lehrstuhl hätte ich dort bestenfalls 600.000 DM gehabt, verteilt auf einen Zeitraum von drei Jahren. Bei Daimler-Benz hatte ich dagegen ein jährliches Budget von zwischen dreißig und fünfunddreißig Millionen Mark, damit konnte man sehr viel anschieben und ausrichten. Und so blieb ich in Sindelfingen. Da es das Ziel einer Automobilfirma ist, Autos zu entwickeln und auf die Räder zu stellen, bemühte ich mich folglich, noch näher in das Zentrum der Fahrzeugentwicklung zu kommen.”
Der Wunsch blieb nicht ungehört; von 1993 bis 1996 entwickelt Dr. Bernd Pletschen den C-Klasse-Kombi, ist parallel hierzu Leiter der Planungsabteilung C-Klasse mit dem Ziel, die Entwicklungszeiten durch Prozessverbesserung zu verkürzen. Sie betrugen damals bis zu vier Jahren für eine Fahrzeugvariante wie das C-Klasse T-Modell (Kombi): “Die große Herausforderung für den Designer ist es, den Zeitgeist zu erspüren: Was kommt in vier oder fünf Jahren an und bleibt über einen ganzen Lebenszyklus (ca. sieben Jahre) einer Baureihe im Markt attraktiv. Dabei ist es wichtig, im Team zu arbeiten. In der Schule lernt man es vielleicht, an der Universität nicht, nämlich Teamarbeit.”
Anfang 1996 kommt ein Angebot der Firmenleitung, er könne sich als Gesamtprojektleiter für das Projekt mit dem internen Kürzel R 230 bewerben. In Konkurrenz mit drei anderen Bewerbern setzt sich Dr. Bernd Pletschen durch und entwickelt in direkter Verantwortlichkeit zu Professor Jürgen Hubbert, dem Vorstand der Mercedes-Benz-, Smartund Maybach-Gruppe innerhalb der Daimler Chrysler AG, die Fortsetzung einer automobilen Legende - die Baureihe SL mit dem Flaggschiff SL 500: ”Den Nachfolger SL zu konstruieren war eine ungeheuere Herausforderung angesichts der hervorragenden SL-Vorgänger wie dem berühmten Flügeltürer von 1954. Das Projekt-Team hat die Legende fortgeschrieben, der neue SL 500 ist ein Auto, das zu Recht in der Tradition steht. So sind Zitate des Ur-300 SL in Form der seitlichen Finne im neuen SL 500 vorhanden. Vor allem ist wichtig, dass das lnterieur und das Exterieur stimmig harmonieren in Gestaltung und Emotionalität. In dem Produkt SL 500 habe ich zusammen mit dem Projektteam alle Dinge verantwortet , die den Erfolg eines solchen Projektes ausmachen: Qualität, Kosten, Gewicht, Reifegrad zum Zeitpunkt der Markteinführung.”
Es gab auch Widerstände und Herausforderungen zu meistern: ”Wegen Konzeptproblemen bei der Entwicklung des Klappdachs habe ich nächtelang nicht oder nur wenig geschlafen. Aber wir haben dann eine hervorragende Lösung gefunden - ich bin stolz darauf.” Ob er denn als der Vater des SL zu bezeichnen sei, war meine kecke Frage; die Antwort: “Ein Vater für die Technik und die hochwertige Ausstattung, ja. Jedoch der Star bei einem solchen Projekt ist das gesamte Projektteam.”
Und wie wirkt das kleine Waldniel, wenn man in einem Weltunternehmen so weit gekommen ist: ”Zu Hause bin ich nun in der Hermann-Hesse-Stadt Calw im Nordschwarzwald. Waldniel ist jedoch immer noch meine Heimat. Und es hat mich mit Stolz erfüllt, das Vorserienmodell im Frühjahr 2001 mit nach Hause zu bringen, das hat schon eine ganz besondere Bedeutung.” Und über die Wirkung jenes Vorserienfahrzeuges seinerzeit hier im Kreise Viersen bei zufälligen Betrachtern: ”Emotion pur”. - Der Entwicklungsetat lag bei rund einer halben Milliarde Euro.
Inzwischen ist Dr. Bernd Pletschen Leiter des Forschungsbereiches ”Fahrzeugkonzepte und Mensch-Maschine-Interaktion”; vereinfachend gesagt, geht es bei Letzterem darum zu untersuchen, wie Fahrzeugbedienung gestaltet werden muss, damit eine intuitive Bedienung und auch Ablesbarkeit der Instrumente im Sinne des Kunden sichergestellt wird. So gibt es zum Beispiel elf damit beauftragte Psychologen, die Verhaltensmuster erforschen, wie man Autos bedient. Besonders reizvoll dürfte natürlich sein, dass in diesem Bereich auch Zukunftsautos entwickelt werden, die reine Forschungsfahrzeuge sind: ”Damit zeigen wir die Technologieführerschaft von Daimler Chrysler.”
Auf meine abschließende Frage, was er denn heutigen Abiturienten empfehle, antwortet Dr. Bernd Pletschen: ”Nicht um attraktive Themen kümmern, sondern das tun, wozu man die größte Eigenmotivation mitbringt. Und: Wenn man eine Aufgabe hat, ist es wichtig, das Nächstliegende zu tun, nicht das Ubernächste; man muss interdisziplinär arbeiten können, weil Teamorientierung sehr wichtig ist, denn alleine schafft man es heute nicht mehr.”
Nachzutragen bleibt der Familienstand: verheiratet, zwei Söhne und eine Tochter im Alter von sechzehn bis elf Jahren, Frau Pletschen ist - Oberstudienrätin an einem Pforzheimer beruflichen Gymnasium.
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