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“Erinnerungen sind zu stark!”
Der Musiksaal mit über neunzig Schülerinnen und Schülern der Oberstufe ist überfüllt: Vorne, auf der kleinen Empore, sprechen zwei alte Männer, Albert Poulissen und Coen Willems, beide über achtzig Jahre alt. Sie berichten von den Wintertagen 1944/45.
 Foto: Franz-Heinrich Busch
Am zweiten Weihnachtstage 1944 umstellen Einheiten der SS und der so genannten "Grünen Polizei" ( SD - Sicherheitsdienst ) die Kirche in dem kleinen Ort Panningen im Peelgebiet westlich von Venlo in den Niederlanden. Alle arbeitsfähigen Männer zwischen 16 und 50 Jahren werden selektiert; auf Flüchtende wird geschossen. Der Treck der gepressten Niederländer geht auf eine Irrfahrt durch das untergehende "Dritte Reich". Durch das Ruhrgebiet geht es nach Hannover, von dort zurück in das Ruhrgebiet, Luftangriffe auf die Eisenbahnzüge und Anlagen begleiten die vielen hundert Niederländer. Nach vielen Verzögerungen, verfroren, hungernd, durstig, verlaust und oft krank kommen die beiden Männer in Viersen an. Schanzer - das war ihre Zwangsarbeit. Panzergräben bauen, den Endkampf vorbereiten, die Lebenszeit der NS-Führung verlängern helfen.
Viersen, die kleine kreisfreie Stadt im äußersten Westen Deutschlands, wurde Ziel immer heftigerer Luftangriffe. Albert Poulissen wird verschüttet, kann sich retten, zieht noch zwei Kinder aus einem brennenden Keller, andere haben das Glück nicht. Von etwa zwanzigtausend verschleppten Niederländern kehren dreitausend nie mehr heim.
"Ich habe damals gesagt, wenn ich je wieder gesund nach Hause komme, danke ich der Maria in der Kirche St. Remigius in Viersen." Im Herbst 2003 war es so weit. Albert Poulissen legt nach 59 Jahren ein Blumengebinde am Bildstock der Muttergottes in der Viersener Hauptpfarreikirche nieder. Sichtlich geschüttelt von ihren Erinnerungen verharren die beiden alten Männer.
Und warum erst jetzt ? "Ich konnte das nicht, die Erinnerungen, sie waren zu stark."
Der Anlass zu diesem Gespräch in dem Waldnieler Gymnasium war eine Geschichts-Facharbeit zweier Schüler der Jahrgangsstufe 12, Thomas Schlütter und Tim Schiffers. Sie sollten sich mit dem Schicksal der Zwangsarbeiter im damaligen Kreise Kempen-Krefeld, heute Kreis Viersen, befassen. Die Intention der Aufgabe war es, nicht auf den ausgetretenen Pfaden gängiger Themen weiterhin zu suchen, sondern mit einem stark regionalgeschichtlichen Bezug allgemeine Geschichte greifbar zu machen. Im wahrsten Sinne des Wortes ist dazu ein Stein der Stein des Anstoßes. Denn in der Nachbargemeinde steht seit einiger Zeitein Mahnmal, ein mächtiger Findling. Er wurde errichtet, um der Ermordung von 14 Menschen zu gedenken, die dort am 25. 12. 1944 erschossen wurden. Sie hatten sich der Gefangennahme und damit dem Abtransport "in das Reich" widersetzt. Durch die ausführliche Dokumentierung jener Bluttat kamen die beiden Schüler an die niederländische Stiftung, die die Erinnerung an die Zwangsarbeiter wach hält. Und dadurch schlossen sie auch Bekanntschaft mit Albert Poulissen und Coen Willems. Diese beiden Zeitzeugen waren dann trotz ihres hohen Alters und der Krankheit des Herrn Poulissen gerne bereit, vor Schülerinnen und Schülern ihre Erlebnisse zu schildern.
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